Filmpolitik

Offener Brief zur Einführung einer Streamingabgabe und Investitionsverpflichtung in Österreich

26.05.2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte politische Entscheidungsträger:innen,
sehr geehrte Vertreter:innen der Medien- und Streamingwirtschaft,

 

die österreichische Film- und Fernsehbranche steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Während internationale Streamingplattformen heute einen immer größeren Anteil des heimischen Medienkonsums und der Wertschöpfung auf sich vereinen, bleibt ihr struktureller Beitrag zur Finanzierung des österreichischen audiovisuellen Ökosystems bislang unzureichend. Gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck auf Produzent:innen, Filmschaffende, Kreative und unabhängige Produktionsunternehmen kontinuierlich.

Die aktuell diskutierte Einführung einer 7% Abgabe sowie einer 5% Investitionsverpflichtung ist daher kein Sonderweg, sondern ein notwendiger Schritt zur langfristigen Sicherung des österreichischen Film- und Medienstandorts. Zahlreiche europäische Staaten haben vergleichbare Modelle bereits erfolgreich umgesetzt oder befinden sich in der Einführung entsprechender Regelungen.

 

Warum Österreich jetzt handeln muss

Streaminganbieter profitieren in erheblichem Maße von europäischen und österreichischen Inhalten, Talenten, Infrastrukturen und Publikumsmärkten. Gleichzeitig verschiebt sich die Wertschöpfung zunehmend von nationalen Medienunternehmen hin zu globalen Plattformen. Ohne eine faire Beteiligung dieser Plattformen droht langfristig eine strukturelle Unterfinanzierung heimischer Inhalte.

 

Eine Abgabe schafft hier einen essenziellen Ausgleich:

Gerade kleine Sprachräume wie Österreich benötigen aktive kultur- und medienpolitische Instrumente, um gegenüber globalen Plattformen sichtbar zu bleiben.

 

Warum die Abgabe zuerst kommen muss

Die Diskussion über eine Investitionsverpflichtung ist wichtig und richtig. Dennoch ist entscheidend, dass zuerst eine funktionierende Abgabe etabliert wird.

Denn eine reine Investitionsverpflichtung birgt erhebliche Risiken:

 

  1. Investitionen erfolgen primär nach Plattforminteressen
    Streamingdienste investieren naturgemäß bevorzugt in Projekte mit internationaler Verwertbarkeit. Das stärkt nicht automatisch die Breite der österreichischen Filmkultur, insbesondere nicht Dokumentarfilm, Nachwuchsfilm, Arthouse oder regionale Produktionen.
  2. Keine unabhängige Mittelvergabe
    Eine Abgabe fließt in unabhängige Fördersysteme und ermöglicht kulturell ausgewogene Entscheidungen. Eine reine Investitionsverpflichtung überlässt die Förderlogik hingegen ausschließlich kommerziellen Plattformstrategien.
  3. Planungssicherheit für die Branche
    Öffentliche Fördersysteme benötigen stabile und vorhersehbare Mittelströme. Eine Abgabe schafft genau diese Grundlage und ermöglicht nachhaltige Entwicklungs- und Produktionsstrukturen.
  4. Erst die Basisfinanzierung, dann zusätzliche Investitionen
    Die Investitionsverpflichtung kann und soll ergänzend wirken – jedoch nicht als Ersatz für solidarische Finanzierungsmechanismen.

 

Die richtige Reihenfolge lautet daher klar:

Zuerst die Abgabe als strukturelle Basisfinanzierung. Danach die Investitionsverpflichtung als zusätzlicher Wachstumsmotor.

 

Europa zeigt längst den Weg

Österreich wäre mit einer solchen Regelung keineswegs ein Sonderfall. Im Gegenteil: Viele europäische Länder haben bereits vergleichbare Modelle eingeführt. Bereits in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Schweiz, Dänemark, Polen, Tschechien und Belgien gibt es eine Abgabe für Streamer und/oder Investitionsverpflichtung.

Frankreich gilt dabei als besonders erfolgreiches Beispiel: Dort leisten Streamingplattformen seit Jahren verpflichtende Beiträge zur nationalen Filmfinanzierung und müssen zusätzlich in europäische bzw. französische Produktionen investieren. Das Ergebnis ist eine starke nationale Produktionslandschaft mit internationaler Sichtbarkeit. Auch Deutschland bewegt sich aktuell klar in Richtung einer verbindlichen Investitionsverpflichtung.

 

Keine Gefahr für den Medienstandort – sondern seine Absicherung

 

Kritiker:innen argumentieren, eine Abgabe für Streamer könne den Medienstandort gefährden oder Kosten auf Konsument:innen überwälzen. Diese Bedenken verdienen ernsthafte Diskussionen, dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Gefahr im Unterlassen liegt.

Ohne zusätzliche Finanzierungsinstrumente drohen:

 

 

Denn kulturelle Souveränität entsteht nicht von selbst. Sie braucht verlässliche Strukturen, faire Beiträge und politischen Gestaltungswillen.

Mit freundlichen Grüßen

Dachverband der österreichischen Filmschaffenden                          

Akademie des Österreichischen Films

 

 

 

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